Hängen bei Schulter-Impingement: Hilft es wirklich?
Zuletzt aktualisiert: April 2026
Von Wiktor Diamant · M.Sc. Trainingswissenschaften (Deutsche Sporthochschule Köln), FMS Level 2 zertifiziert, Certified Functional Strength Coach und Personal Trainer in Köln.
Kann man mit einfachem Hängen Schulterschmerzen – wie z.B. bei einem Schulterenge-Syndrom bzw. Schulter-Impingement (1) – loswerden und sogar eine Schulter-OP verhindern?
Genau das behauptet der Orthopäde Dr. John Kirsch. In seinem Buch „Shoulder Pain? The Solution and Prevention“ (3) erklärt er, warum das so gut funktioniert: Durch das Aushängen lassen sich die schmerzhaften verschleißbedingten Veränderungen in der Schulter tatsächlich rückgängig machen.
Aber woher kommt eigentlich der Hype rund um das Hängen? Vielleicht kennst du die Ido Portal Hanging Challenge: 30 Tage lang täglich 7 Minuten hängen. Das soll die Schultergesundheit spürbar verbessern.
Was die wenigsten wissen: Die Ido Portal Hanging Challenge hat ihren Ursprung direkt in Kirschs Buch. Als ich 2015 beim Movement X Workshop von Ido Portal war, empfahl er das Buch allen Interessierten ausdrücklich zur Vertiefung.

Überblick
1. Aushängen als Alternative zur OP
2. Was passiert mit deiner Schulter beim Hängen?
4. Weitere Ursachen von Schulterbeschwerden
5. Weitere Informationen zum Hängen
1. Aushängen als Alternative zur OP
John Kirsch sieht das Hängen als deutlich bessere Alternative zur Operation. Bei einer sogenannten subacromialen Dekompression wird Knochensubstanz und der darunterliegende Schleimbeutel abgefräst, um mehr Raum unter dem Schulterdach (Akromion) zu schaffen. Laut Kirsch erreichst du denselben Effekt aber auch durch bloßes Hängen.
Der entscheidende Vorteil: Alle Strukturen bleiben dabei vollständig intakt. Jede Operation birgt Risiken und hinterlässt Narbengewebe, das nie wieder so belastbar ist wie unverletztes Gewebe.
2. Was passiert mit deiner Schulter beim Hängen?
Das Coracoacromiale Ligament (CAL) wird gedehnt und geschmeidig gemacht, so dass der Oberarmknochen mehr Platz bei Überkopfbewegungen hat. Neben dem Hängen ist auch ein gezieltes Training des Serratus anterior sinnvoll, da er das Schulterblatt nach oben dreht und so den Raum unter dem Schulterdach vergrößert. Bei einer hohen Zugspannung des CAL kann sich ansonsten über die Jahre das knöcherne Schulterdach (Akromion) nach unten biegen und den Raum im Schultergelenk weiter verengen (2).
Dass das CAL gedehnt wird, wenn der Arm Überkopf geführt wird, weiß man bereits aus Experimenten an Leichen. Weiterhin konnte John Kirsch das auch in MRT-Aufnahmen zeigen.
Und das Beste: Alles bleibt heile ohne jegliche Narben. Gleichzeitig wird deine Brustwirbelsäule gestreckt, was gut gegen den Rundrücken ist.
Voraussetzungen für das Hängen:
Du solltest mit einer gewissen Leichtigkeit in der Lage sein deinen ausgestreckten Arm parallel zum Boden halten zu können. Wenn du das tun kannst, hast du dich für das Aushängen qualifiziert.
Was ist bei Verletzungen der Rotatorenmanschette zu beachten?
Die überwiegende Mehrzahl von Teilrupturen oder kompletten Abrissen der Rotatorenmanschettte werden durch ein Subakromiales Impingement verursacht (95%). Jedoch werden die Strukturen der Rotatorenmanschette beim Hängen selbst nicht belastet. Im Buch wird das mehrfach anhand von MRT-Aufnahmen demonstriert, die den Schulterkomplex beim Hängen zeigen.
3. So hängst du richtig
Die Hände zeigen nach vorne oder zueinander. Wenn es dir anfangs noch schwerfällt, kannst du deine Füße auf den Boden aufstellen und das Aushängen nur mit einer Teilbelastung ausführen. Du kannst die Zeit im Hängen auch erstmal auf 10 Sekunden limitieren und dich stückweise auf 30 oder sogar 60 Sekunden hocharbeiten.

Umgang mit Schmerzen
Das Aushängen kann anfangs wehtun. Du dehnst schließlich Strukturen auf, die sich über lange Zeit verkürzt und verhärtet haben. Dr. Kirsch betont aber ausdrücklich, dass die Rotatorenmanschette dabei nicht verletzt werden kann. Er hat das in zahlreichen Untersuchungen belegt.
Der Schmerz sollte nachlassen, sobald du die Position verlässt, also innerhalb von Sekunden bis wenigen Minuten. Manchmal verschwindet er sogar schon in den ersten Sekunden des Hängens.
Wichtig ist dabei die Unterscheidung: Spürst du ein intensives Dehnungsgefühl oder echten Schmerz? Eine starke Dehnung ist normal und kein Warnsignal. Anders sieht es aus, wenn der Schmerz sich anfühlt wie bei einer Verletzung oder Überlastung. Nimmt er von Tag zu Tag zu, solltest du das Hängen vorerst pausieren.
Tipp: Messe deinen Fortschritt
Stoppe die Zeit, die du schmerzfrei Hängen kannst und bewerte die Schmerzintensität. Anhand dieser Kennzahlen kannst du deinen Fortschritt messen. Wenn man sieht, dass es besser wird ist man eher motiviert am Ball zu bleiben. Und so könnte z.B. ein Fortschritt aussehen: In der ersten Woche kannst du nur 10 Sekunden am Stück Hängen und der Schmerz ist auf einer 8 von 10. Nach einer Woche kannst du bereits 15 Sekunden Hängen und der Schmerz ist eine 5 von 10. Außerdem verflüchtigt er sich vielleicht wesentlich schneller nach Beendigung des Hängens. Auf diese Weise kannst du für dich feststellen, ob sich die Schmerzen durch das Hängen verbessern oder diese schlimmer werden.
Wichtig: Bei Schulterschmerzen solltest du das Aushängen generell erst nach einem ärztlich diagnostizierten Schulter-Impingement beginnen. Weiterhin solltest du dich versichern, dass bei dir keine weiteren Komplikationen vorliegen, die gegen das Hängen als therapeutische Übung sprechen.
Wie lange und oft soll man Hängen?
Kirsch empfiehlt, täglich 10 bis 15 Minuten zu hängen. Das machst du nicht am Stück, sondern in kürzeren Intervallen von je 10 bis 30 Sekunden, je nach deiner Griffkraft. Bei Bedarf gönnst du dir dazwischen eine Pause von etwa einer Minute.
Auch wenn du dabei weder Dehnung noch Schmerz spürst, wirkt das Hängen. Es hält den coracoacromialen Bogen (bestehend aus dem coracoacromialen Ligament und dem Schulterdach) geschmeidig. Bist du irgendwann beschwerdefrei, kannst du das Protokoll lockerer angehen und mit 2 bis 3 Einheiten pro Woche fortfahren.
4. Weitere Ursachen von Schulterbeschwerden
Spannend ist, dass die Forschung die Ursache für das subacromiale Schmerzsyndrom (SAPS) noch nicht eindeutig klären konnte. Sowohl ein verengter subacromialer Raum als auch eine schlechte Körperhaltung kommen bei beschwerdefreien Menschen ähnlich häufig vor wie bei denen mit Schmerzen (4).
Ein Grund dafür: Die Körperhaltung allein sagt wenig aus, wenn man die tatsächliche Belastung nicht berücksichtigt. Ein Überkopfsportler hat oft eine gute Haltung, beansprucht seine Schultern aber sehr stark und kann dadurch trotzdem ein Impingement entwickeln. Ein Büroarbeiter mit Rundrücken bleibt dagegen häufig beschwerdefrei, weil er seine Schultern kaum belastet.Ob du ein Schulter-Impingement entwickelst, hängt also von mehreren Faktoren ab:
- Bewegungsverhalten
- Vorbelastungen & Vorverletzungen
- Ermüdungszustand
- Ernährungs- und Regenerationszustand
- Motorische Kontrolle von komplexen Bewegungsabläufen
- Passive und aktive Beweglichkeit des Schulterkomplexes
- Passiv verfügbare und aktiv (muskulär) erzeugbare Stabilität des Schulterkomplexes
- Biopsychosoziale Faktoren
- Muskuläre Dysbalancen
- Lebensalter und Trainingsalter
- etc.
Eine gute Körperhaltung ist schwer einheitlich definierbar
Dazu kommt ein methodisches Problem: Die erwähnten Studien definieren „gute“ und „schlechte“ Körperhaltung nicht einheitlich. Das ist verständlich, weil eine einheitliche Definition schwer umsetzbar ist, macht die Ergebnisse aber schwer vergleichbar.
Unabhängig von der Forschungslage gilt in der Praxis: Wenn deine Überkopfmobilität eingeschränkt ist, zum Beispiel durch einen Rundrücken, solltest du auf vertikale Druckübungen wie Schulterdrücken vorerst verzichten. Wer das ignoriert, riskiert mittelfristig Schulterbeschwerden.
Häufige Fragen zum Hängen bei Schulter-Impingement
Es gibt Hinweise darauf, dass regelmäßiges Hängen den Subakromialraum vergrößern und Beschwerden lindern kann. Der Orthopäde Dr. John Kirsch konnte in seiner Praxis viele Patienten mit dieser Methode behandeln. Es ist jedoch kein Allheilmittel und ersetzt keine individuelle Diagnostik.
Starte mit kurzen Einheiten von 10-30 Sekunden und steigere langsam auf bis zu einer Minute. Idealerweise hängst du täglich, verteilt auf mehrere kurze Einheiten. Starte mit den Füßen am Boden, damit du das Gewicht dosieren kannst.
Bei akuten Rissen oder Entzündungen ist Vorsicht geboten. Lass vorher ärztlich abklären, ob Hängen für dich geeignet ist. Bei leichten Beschwerden kann vorsichtiges Hängen mit Entlastung (Füße am Boden) ein guter Einstieg sein.
Die Korrektur der Körperhaltung kann helfen, weil ein Rundrücken den Raum unter dem Schulterdach einengt.
5. Weitere Informationen zum Hängen
Weitere Hintergrundinformationen und bebilderte Erklärungen zum Hängen bei Schulterschmerzen gibt es in diesem YouTube-Video von mir:
Quellen:
(1) Gerber, C., Galantay, R. V., & Hersche, O. (1998). The pattern of pain produced by irritation of the acromioclavicular joint and the subacromial space. Journal of shoulder and elbow surgery, 7(4), 352-355.
(2) Chambler, A. F. W., Bull, A. M. J., Reilly, P., Amis, A. A., & Emery, R. J. H. (2003). Coracoacromial ligament tension in vivo. Journal of shoulder and elbow surgery, 12(4), 365-367.
(3) Kirsch, John. Shoulder Pain? The Solution & Prevention: Fitte Edition, Revised & Expanded. Lightning Source INC, 2019.
(4) Barrett, E., O’Keeffe, M., O’Sullivan, K., Lewis, J., & McCreesh, K. (2016). Is thoracic spine posture associated with shoulder pain, range of motion and function? A systematic review. Manual therapy, 26, 38-46.





17 Kommentare
Super geschriebener und informativer Artikel :-). In diesen Blog werde ich mich noch richtig einlesen
Danke für Dein Feedback! 🙂
Hallo, klingt alles logisch. Einzig, auf einem der Bilder wird seitlich gegriffen statt frontal (wie am Reck), Vorteile/Nachteile/egal? Und wirklich vollkommen lose hängen oder bewusst wie beim Ansetzen eines Klimmzuges die Schulterblätter runterziehen und Trapez usw anspannen? Danke.
Hi Markus,
ob seitlich oder frontal gegriffen ist fast egal. Der seitliche Griff ist für einige Personen mit Schmerzen manchmal etwas schonender. Ob lose oder aktiv hängt bei uns vom Bindegewebstyp ab. Feste hängen meistens passiv, wohingegen lockere Typen ein eher aktiveres Hängen ausführen sollen (aber im vollen ROM).
Viele Grüße
Wiktor
Hi,
wirklich interessant. Ich hatte eine Bizeps-Sehnen-Ansatzreizung rechts (1Jahr mit Krankengymnastik, dann wars wieder gut). Jetzt hab ich das gleiche an der linken Schulter und frage mich, ob Hängen hier helfen kann. Und eine Frage noch zur täglichen Dauer: 15 min Integral Hängen, oder 15 min trainieren incl. der Pausen dazwischen? Das ist mir nicht klar geworden.
Grüße Claus
Hallo Claus,
Hänge könnte hier helfen, wenn deine Bizepssehnen-Reizung (ich nehme an du meinst die lange Bizepssehne) aufgrund einer Beweglichkeitseinschränkung Überkopf entstanden ist. 15 Minuten wären hier jedoch definitiv zu lang für den Anfang. Ich wünsche dir eine gute Besserung!
Viele Grüße
Wiktor
Hallo! Wenn die lange Bizepssehne eingerissen ist, würde das eventuell trotzdem hilfreich sein, einen Op umzugehen?
Viele Grüße: Andrea
Hallo Andrea, so etwas kann man aus der Entfernung und ohne weitere Details zu kennen nur schwer beantworten. Sehr wahrscheinlich wird das Hängen in so einem Fall nicht schaden. Ob es aber hilft die OP zu umgehen, hängt von der Schwere des Schadens ab und ist grundsätzlich zweifelhaft. Aber es kann u.U, dennoch den Stress von der Bizepssehne nehmen (kommt auf die Ursachen des Bizepssehnenanriss an). Beste Grüße und gute Besserung, Wiktor
Hallo,
wie sieht es denn bei degenerativen Schulter Arthrose aus. Ist es möglich die Schulter durch das Hängen zu entlasten?
Gruß Lars
Hallo Lars, hierzu sind mir keine speziellen Studien bekannt. Bei Arthrose wird aber allgemein Bewegung in einem möglichst großen Bewegungsradius empfohlen. Ich würde mich daher vorerst, ohne mit dem gesamten Körpergewicht auszuhängen, vorsichtig in die Position gehen und mich langsam herantasten. Übrigens: Beim Hängen erfährt das Schultergelenk keinen Druck sondern Zug. Der Knorpel erfährt daher in der Regel keine nennenswerte Belastung.
Hallo Wiktor, bin über die Suche nach Übungen gegen Rundrücken auf deiner Seite gelandet. Habe mir auch schon einige Videos angesehen. Gefallen mir sehr gut. Hab deinen Kanal gleich abonniert.
Jetzt eine Frage zur Ausführung. Ich habe leider in meiner Wohnung nur Platz für eine im Türrahmen eingehängte Klimmzugstange. Das bedeutet, dass ich meinen Körper nicht in voller Länge aushängen kann. Ist es genauso effektiv wenn ich die Beine an den Oberkörper heranziehe und so abhänge?
Vielen Dank!
Hi Frank, ja, das wäre in dem Fall eine gute Alternative! Viele Grüße, Wiktor
Hallo Wiktor,
ich habe seit mehr als vier Monaten starke Schmerzen in der linken Schulter. Die Diagnose: Rotatorenmanschettenläsion links.
Verstehe ich dich richtig? Hängen kann dieses Problem nicht weiter verstärken, sondern ist vielleicht sogar eine Chance, die Schmerzen loszuwerden? Wenn ich versuche, zu hängen, habe ich anfangs erhebliche Schmerzen (Schmerzskala 8). Nach dem Hängen geht der Schmerz relativ schnell wieder weg. Allerdings ist bislang keine Besserung des Gesamtzustands eingetreten. Ich bin weiterhin in meinen Bewegungsmöglichkeiten sehr eingeschränkt (Überkopf- und Rotationsbewegungen).
Würdest du mir empfehlen, weiterzumachen?
Hallo lieber Armin,
durch Hängen wird laut den Erkenntnissen und Beschreibungen von Dr. Kirsch das Coraco-Acromiale-Ligament weicher und nachgiebiger, wodurch bei Überkopfbewegungen weniger Reibung der umgebenden Strukturen provoziert wird. Dadurch kann einer weiteren Beschädigung der Rotorenmanschette (insb. Supraspinatussehne) entgegengewirkt werden, wobei beim Hängen selbst kein Stress auf die Rotatorenmanschette wirkt. Es gibt aber viele weitere Faktoren die sich auf deine Überkopfbeweglichkeit auswirken und die begleitend ebenfalls optimiert werden sollten.
Viele Grüße
Wiktor
Top erklärt, probiere ich aus.
Hallo, wie ich auf Röntgenbildern deutlich sehen konnte, hat sich mein Akromion beidseitig leider schon ganz deutlich nach unten gebogen, und habe insbesondere rechts die letze Zeit über fast ständig Impingement-Schmerzen u. entsprechend Flüssigkeit/Entzündung (bin 50 Jahre, gehe aber noch begeistert ins Gym, und würde so gerne wieder schmerzfrei z.B. Brust trainieren können). Wäre auch für mich das Hängen ‚the way to go‘, oder ists bei z.B. starker Ausprägung des nach unten gebogenen Akromions quasi zu spät ?
(Habe schon Statements zum Aushängen gehört, die behaupten man verschlimmere das Problem damit nur, das macht mir Angst.)
Hallo Brad, wie im verlinkten Buch von Dr. Kirsch beschrieben wird, ist es nie zu spät für das Hängen. Falsches Brusttraining (z.B. Langhantel-Bankdrücken) kann die Problematik aber durchaus verschlimmern.